{"id":742,"date":"2020-10-09T17:23:53","date_gmt":"2020-10-09T15:23:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.poeziedemama.com\/?p=742"},"modified":"2020-10-12T09:53:10","modified_gmt":"2020-10-12T07:53:10","slug":"30-jahre-mauerfall-30-jahre-revolution-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.poeziedemama.com\/?p=742","title":{"rendered":"30 Jahre Mauerfall \u2013 30 Jahre Revolution 2019"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Bilbor-Rum\u00e4nien, Dezember, vor Weihnachten, 1989<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In meinem Bergdorf herrscht ein harter Winter. Ich und meine Oma sind drau\u00dfen, im Hof, und versuchen Brennholz zu s\u00e4gen mit einer veralteten, stumpfen S\u00e4ge. Es ist bitterkalt, das Holz hart und gefroren, wir auch. Mein Bruder ist irgendwo, im Dorf, verschwunden. Auf einmal h\u00f6re ich auf der Dorfstra\u00dfe seine Stimme: <em>Ceausescu ist weg, wir sind frei! Ceausescu ist weg, wir sind frei!<\/em> Aber an diesem winterlichen Sp\u00e4tnachmittag reagiert niemand auf seine Worte. Die Bauern sind entweder auf ihren H\u00f6fen mit den Tieren besch\u00e4ftigt, oder mit ihrer eigenen Hilflosigkeit. Andere sind bei der Arbeit, in Fabriken, B\u00e4ckereien, L\u00e4den. Wir werden nicht fertig mit dem Brennholz, ich bin zu klein und ungeschickt f\u00fcr diese Arbeit, meine Oma, zu alt. Wir br\u00e4uchten kr\u00e4ftigere H\u00e4nde, und meine Oma ist w\u00fctend auf meinen Bruder, weil er fast den ganzen Nachmittag verschwunden ist und uns mit der ganzen Arbeit im Stich gelassen hat. Es ist schon fast dunkel, die Tiere m\u00fcssen gef\u00fcttert, das Brennholz gehackt und ins Haus gebracht werden, Feuer angez\u00fcndet, Wasser vom Brunnen geholt und dann noch etwas f\u00fcr den Abend gekocht werden. Eine Menge Arbeit und jetzt, als die D\u00e4mmerung all diese Sorgen der Oma enth\u00fcllt hat, erscheint mein Bruder wie ein unglaubw\u00fcrdiges Weihnachtswunder.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Komm nur her, du Faulpelz, was f\u00fcr Dummheiten redest du, was f\u00fcr eine Freiheit, was f\u00fcr einen Ceausescu hast du im Kopf, bald kommen deine Eltern, die Tiere sind hungrig, und wir haben kein Essen vorbereitet, kein Feuer im Ofen. Und Brennholz konnten wir auch nicht s\u00e4gen mit dieser stumpfen S\u00e4ge.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&#8211; Oma, ruft mein Bruder noch lauter, mit aller Kraft, Ceausescu ist verschwunden, glaub mir, wir sind frei!<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Lass mich in Ruhe mit deiner Freiheit, komm her und hilft uns mit den Holz, sonst kannst du was erleben, von wegen Freiheit! Gibt dir deine Freiheit was zum essen, gibt sie dir Brennholz, Feuer?<\/p>\n\n\n\n<p>Als mein Bruder sieht, dass meine Oma ganz rot geworden und ihr Tuch auf dem Kopf zur Seite gerutscht ist, versteht er, dass jetzt kein Wort mehr zu sagen ist, und so schnell wie er gekommen ist, so schnell ist er wieder verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir blieben wortlos in der Dunkelheit, unsere Hilfe ist weg, wie Ceausescu tats\u00e4chlich, und nur diese Worte tanzen uns in den Ohren, wie kleine Funken in der Nacht: <em>Wir sind frei, wir sind frei, wir sind frei<\/em>!<\/p>\n\n\n\n<p>Aber an jenem Abend k\u00f6nnen diese Worte unseren Hunger nicht stillen. Und das Gesicht der Freiheit hat meine Oma nie zu sehen bekommen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.poeziedemama.com\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Photo0206-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-354\" srcset=\"https:\/\/www.poeziedemama.com\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Photo0206-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.poeziedemama.com\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Photo0206-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.poeziedemama.com\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/Photo0206.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption> foto credit <strong>condrat<\/strong> \u00a9  Bilbor-Rum\u00e4nien<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bilbor-Rum\u00e4nien, Dezember, vor Weihnachten, 1989 In meinem Bergdorf herrscht ein harter Winter. 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